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| LEBEN NACH DEM FEUERTOD ? (13.06.2009 - 14.06.2009 ) |
Das Wrack der „AMOCO MILFORD HAVEN"
Rückblende : 11.April 1991 : Der 334 m lange Tanker der VLCC -Klasse ( Very Large Crude Carrier ) liegt vor Genua , um einen Teil seiner Ladung zu löschen . Seine Frachträume fassen bis zu 230000 Tonnen Öl . Diesmal transportiert die „AMOCO MILFORD HAVEN" „Iranian Heavy Duty" , eine besondere Ölklasse die erst auf ca. 80° erwärmt werden muß , damit sie pumpfähig wird . Gegen 12.40 Uhr Ortszeit zerreißt eine gewaltige Explosion die mittägliche Stille über dem Mittelmeer und ein gigantischer Feuerball schiesst in den Himmel. 4 Besatzungsmitglieder und der Kapitän sind auf der Stelle tot. Zwei der fünf Leichen werden nie gefunden. Das gigantische Flammeninferno wütet noch etwa 70 Stunden.
Ein rund 80 Meter langes Bugteil wird nach einer weiteren Explosion abgetrennt und versinkt auf 490 Meter Tiefe.
Am 14.April haben die Rettungsmannschaften und das Schiff den Kampf gegen den Feuertod verloren. Der rund 250m lange „Rumpf" versinkt ca. 1,5 Seemeilen vor dem ligurischen Städtchen Arenzano. Dabei treten rund 100000 t Öl aus und sorgen so für die größte Umweltkatastrophe im Mittelmeer.
In einer Tiefe zwischen 80 und 90 Metern findet die „HAVEN" ihre letzte Ruhe ...
Die „Amoco Milford Haven" kurz vor dem Untergang
Zurück in die Gegenwart ...
13.06.2009 : gegen 15 Uhr treffen Thomas F. , Jörg und ich in Arenzano ein . Ziel ist das größte Wrack im Mittelmeer , die „Amoco Milford Haven" . Wir sind eine Woche Gast bei „Techdive" , der Basis von Gino und Nicola Sardi im Hafen von Arenzano. Eine sehr kleine , aber gemütliche Basis die speziell Ausfahrten zum Wrack anbietet und auch auf die Belange von technischen Tauchgängen eingerichtet ist. Das Helium dort ist echt lecker J und die Jungs mischen „auf den Punkt" ! Die Tauchgänge unterliegen einem strengen Reglement . Für diese Regulierungen zeichnet sich die Hafenpolizei Genua verantwortlich. So müssen schon im Vorfeld bei der Anmeldung sämtliche Tauchpläne , RunTimes , Gasmanagement usw. übermittelt werden. Außerdem ist für ein Team von max. 3 Tauchern ein Taucher mit einer Lizenz als „Tauchführer Ligurien" vorgeschrieben ( wer die „Sammelwut" unseres F. kennt , ahnt natürlich , das dieser gute Junge eine solche Lizenz hat J ) . Außerdem gibt es je nach Ausbildungsstand Tiefenlimits. Seit Einführung dieser Regeln ist die Zahl schwerer Tauchunfälle am Wrack spürbar zurückgegangen.
Hafen von Arenzano
Jörg Schöne und Dirk Schäfer beim Briefing am Modell , im Hintergrund Gino Sardi
Tiefblau schimmert das Meer über dem Wrack der „Haven" und das Weiss der Shot Line verschwindet im Nichts. Beim Abstieg hinunter zeichnet sich bald ein riesiger Schatten ab und schon in etwa 33 Meter Tiefe hat man das Dach der Brücke erreicht . Jepp - der geneigte Leser hat richtig gerechnet : das Wrack ist rund 50 Meter hoch und 52 Meter breit!! Der Antennenmast auf dem Dach der Brücke und ein Teil des riesigen Schornsteins fehlen. Sie wurden gekürzt , da die „Haven" in einer Schifffahrtsroute liegt und dies eine potentielle Gefahr gewesen wäre. Der erste Tauchgang kann nur einer groben Orientierung dienen. Die obligate Vorarbeit mit alten Foto -und Videoaufnahmen ist hier Gold wert , so hat man wenigstens eine Ahnung wo man sich befindet. Und man kann sich auch erstmal an die riesigen Dimensionen „gewöhnen" . Bei einer Runde um die Aufbauten auf dem Hauptdeck in 60 Meter Tiefe kommt man Richtung achtern an der sogenannten „Werkstatt" vorbei. Eigentlich ist dies mehr ein schmaler Gang , in dem noch mehrere Gasflaschen sowie ein Schraubstock stehen . Auf der anderen Seite befinden sich mehrere offene Luken. In einer davon befindet sich vermutlich ein Schlafraum für einen Teil der Besatzung - es stehen noch Bettgestelle drin. Es kann allerdings auch nur ein Laggerraum gewesen sein. Auf der entgegengesetzten Seite der Brücke ( also Richtung Richtung Bug ) befindet sich die Ventilstation. Die Luken stehen auch hier offen, sodass man auch hier eindringen kann. Ein bissel muß man sich schon auf die Seite drehen und den Bauch einziehen , aber letztendlich kommt man rein. Doppel und 2 Stages „tragen halt ein wenig auf" ! ( Oder lag's doch am leckeren italienischen Essen ??? ) Für die , die den Bauch nicht weit genug einziehen können , gibt es noch die Möglichkeit , über ein Loch im Dach der Station einzudringen. Mittig in der Ventilstation befindet sich ein rechteckiger Schacht der nach unten führt. Wieder heraus aus der Station führt die erste Erkundung weiter herum nach steuerbord . Die Träger der Brückennock scheinen wie Butter geschmolzen zu sein , und so hängt dieses gewaltige Teil nach unten fast bis auf das Hauptdeck. Durch den verbleibenden Spalt zu den Aufbauten kann man weiter nach achtern vordringen und dabei auch hier einen Blick ins Innere werfen. So hat der erste Tauchgang , wie bereits gesagt , in erster Linie dazu gedient sich einen Überblick zu verschaffen und die Orientierungspunkte für die folgenden Tauchgänge zu finden. Was ich während aller Tauchgänge extrem chic fand , ist der Fakt , das man sich bei den tiefen Dekostufen bis hinauf auf 33m noch direkt am Wrack befindet und so die Zeit wie im Fluge vergeht - man hat halt was zum Gucken ( und da sagen Einige :"...auf die Größe kommt's nicht an!" - was für ein Quatsch !!! ) .
Dirk Schäfer (li.) und Jörg Schöne ( re.) beim Abstieg
Blick nach backbord achtern vom Dach der Brücke
Blick durch die Fenster des Navigationsdecks
Am Dienstag erzwingt der Wind eine Tauchpause! Also Zeit für einen Ausflug nach Genua. Eine Stadt voller Gegensätze: eine Altstadt mit massenhaft schönen Bürgerhäusern ( die allerdings größtenteils etwas Farbe vertragen könnten ) und auf der anderen Seite Unmengen von Neubauten , die der Architektur aus dem LEGO Baukasten zu entspringen scheinen . Ein „Muss" ist der alte Hafen von Genua , der zu einem riesigen Erlebnisareal umgestaltet wurde . Coole Kneipen , Museen , Ausstellungen , ein Marinepark usw. - quirlig und lebhaft ! Anscheinend auch eine beliebter Treffpunkt des, durch die momentane Wirtschaftskrise achso gebeutelten, europäischen „Mittelstandes" ! Dies bewies z.B. die „Wallypower" , ihres Zeichens eine der zur Zeit schnellsten Privatyachten der Welt ( bis zu 17000 PS und rd.120km/h schnell ) . Ihre 22000 Liter Tankinhalt reichen bei zügiger Fahrweise wohl nur für 380sm . Dieses nette Spielzeug lümmelte lustlos in besagtem alten Hafen , während das Deckspersonal den Putzlappen schwang. Wahrscheinlich wurde bei der letzten Party ein wenig Champus verschwebbert! Oder hat etwa eine Auster panisch die Flucht angetreten , während sich ihr silikongeformte Lippen näherten , um sie hinwegzuschlürfen?!? Shit happens !
„Wallypower"
Übrigens gibt es dort auch den Nachbau eines spanischen Linienschiffes aus der Zeit 1680 -1710, die natürlich besonders den Wracktaucher interessiert. Der 62m lange 70 Kanonen-Dreidecker ist in Roman Polanskis Film „Piraten" in voller Pracht zu sehen. Auf den Zwischendecks und Geschützbatterien der 2000t verdrängenden „Neptune" wird die Enge auf den damaligen Schiffen deutlich und man kann den Pulverdampf förmlich riechen. Wenn man dann dieses Monstrum dann allerdings von außen sieht , braucht man sich nicht wundern , dass im Mittelalter halb Europa für den Flottenbau abgeholzt wurde.
Die „Neptune" in Genua
...was für ein Hintern !!!!
Aber war echt ein top Erlebnis! weitere Info's und Bilder siehe
http://www.arbeitskreis-historischer-schiffbau.de/ontour/swmschif/neptune/neptune.htm
Wenn man allerdings etwas abseits der „Touristenpfade" in die eine oder andere Gasse Genuas schaut, stellen sich mir zwei extrem drängende Fragen: 1.„ Habe ich eine gültige Tetanusimpfung???" und 2."Habe ich irgendwelche Gegenstände bei mir , die zur Selbstverteidigung dienen können???" Achja , apropos Gasse : da kann ich einen Klassiker zum besten geben : Unser lieber F. gab ja den Stadtführer , er war schließlich schon mal in Genua! „Ich kenn da eine super Gasse , die muß man gesehen haben!" - sprach's , während sein Zeigefinger auf dem Stadtplan ein Gebiet umkreiste , das gefühlt der Größe Dresdens entsprach! Nun ja - auf geht's! Irgendwann , vermutlich zwischen der 375. und 376. kleinen Gasse standen wir wiedermal an einer Weggabelung: Links oder Rechts??? ( Ich schicke voraus: im Nachhinein will's keiner der beiden Herren gewesen sein !!! ) Also traf , nennen wir ihn Herrn X , die Entscheidung „Links"! Froh Gemut hinein ins Gassengewirr! Ein paar Meter später wurde so langsam klar , warum speziell in DIESER Gasse der Publikumsverkehr etwas „gebremst" wirkte. Links und rechts der etwa 3m entfernten Häuser standen , nun sagen wir mal , recht hauteng und knapp bekleidete Damen afrikanischen Ursprungs samt ihrer finster dreinblickenden „Personalchef's" . Die Zahl der „männerverschleißenden" Weiblichkeiten und ihrer böse guckenden Arbeitgeber nahm zu , ungefähr in gleichem Maße wie die Breite der Gasse abnahm - und ein Ende schien nicht in Sicht. Aber gekniffen wird hier nicht - Angriff ist die beste Verteidigung! Also weiter vorwärts! Schließlich nahm die Anzahl der Grazien nebst finsterer Gesellen eine unheimliche Dichte an , während die Breite des Durchgangs mittlerweile „Klappmesser-Reichweite" erlangt hatte. Just in dem Moment gab ein Durchgang den Weg zurück in die Zivilisation frei! Da hatte der F. mal Recht - „'ne super Gasse" ! Da sind mir die allgegenwärtigen Sonnebrillenverkäufer arabischer Abstammung doch wesentlich lieber! Haben ja schließlich nur echte und erstklassige Ware im Angebot so z.B. „Tolce & Kabahna" oder „Kucci" - nu genau !!! Für den erlebten Nervenkitzel belohnten wir uns mit einem extrem leckeren italienischen Eis , überreicht von einer ebenso extrem leckeren italienischen Eis-Fachverkäuferin! Yammi!
Aber ich schweife ab , zurück zum Tauchen...
Wenn man backbordseitig über das Hauptdeck hinaus tiefer taucht, kommt man an die achtere Explosionsöffnung , durch die man ins Innere der Tanks der „Haven" gelangt. Dieses Loch hat schon beeindruckende Ausmaße , so ca.10x10 Meter ( da passt man auch trotz Spaghetti-Pizza-Dauerdiät rein J ) . Die riesigen Spanten sind wie Papier zerknittert und die Bordwand hat es aufgefaltet wie beim Schälen einer Banane (so ähnlich wie in den Bugs Bunny Cartoons ) . Das muß schon ordentlich gerummst haben. Ist ja auch kein Tischfeuerwerk gewesen... In rund 70 Metern Tiefe kommt man im Innern der Tanks zu den gewaltigen Heizspiralen , die zum Erwärmen des Öl's vor dem Abpumpen benötigt wurden. Diese Teile sind locker 4-5 Meter hoch und etwa 1m im Durchmesser. Leider war die Sicht dort unten etwas grottig , so das die Dimensionen nicht voll zur Geltung kamen. Also wieder raus ! Beim langsamen Aufstieg zurück auf das achtere Hauptdeck kommt man vorbei an diversen Belüftungsventilatoren , Durchmesser vielleicht 3m . Wenn diese Dinger gelaufen sind , konnten sie Mutti's teure Dauerwelle sicher zünftig ruinieren !!! Ein weiterer rechteckiger Schacht auf dem Achterdeck führt nach unten ins Innere des Schiffs , vermutlich auf die Maschinenebene. Allerdings mussten wir eine Erkundung auf das nächste Mal verschieben , da keine Zeit mehr blieb. Es handelt sich vermutlich um einen Lichtschacht. In einigen Plänen wird dieser Schacht als „Skylight for the lower Levels" bezeichnet.
Der Oberhammer allerdings sind Schraube und Ruderblatt der „Amoco Milford Haven". Da kann ich nur sagen: „Wer so was noch nicht gesehen hat - der hat so was noch nicht gesehen!!!" Für diese Dimensionen gehen mir schlicht die Worte aus. Das Ruderblatt ist um die 16 Meter hoch , die Propellerflügel sind ungefähr 3m lang und 2m breit ! Wohlgemerkt: das sind die Maße auf EINER Seite, also bis ( ! ) zur Nabe. Diese hat sicher auch noch mal einen Durchmesser von mindestens 1,5 Meter. Und auf der anderen Seite sitzt ja dann der nächste Flügel. Was ist das für ein Monsterquirl ! Welche unglaubliche Massen hier in Rotation waren , wenn das Schiff fuhr, lässt sich kaum erahnen! Rund 33000 PS haben über diesen einen Propeller den 267000 BRT Koloss auf maximal 15 Knoten beschleunigt. Übrigens ist es reine Glückssache ob man die Schraube zu Gesicht bekommt. Meist gibt es dort unten eine sedimentbelastete Grundströmung. Dann sind die Sichtbedingungen gleich null und man kommt gar nicht erst bis ganz nach unten. Das haben wir ja am Vortag an der Explosionsöffnung zu spüren bekommen, beim zweiten Mal war die Sicht jedoch wesentlich besser . Die Bedingungen können also ständig wechseln. Das wir gleich im ersten Anlauf solch ein Glück mit der Schraube hatten , treibt mir jetzt noch ein Grinsen auf die Backen!
Die Zugänge zu den Hauptaufbauten sind größtenteils offen und man kommt eigentlich überall gut rein. Im Inneren gibt es erstaunlicherweise weniger Silt als erwartet , also Sediment , welches aufgewirbelt werden kann. Man sollte aber aus Sicherheitsgründen nicht auf's Reel legen verzichten. Lediglich auf dem Navigationsdeck kann man sich das sparen. Da sich Fenster und Türen dort quasi fast rundherum ziehen und es fast gar keinen Silt gibt , sollte ein Weg nach draußen immer in Sicht sein. Vom vorletzten Deck nach oben auf das Navigationsdeck führt eine Treppe , welche für einen sensationellen Moment sorgt: aus dem Dunkel der Gänge blickt man nach oben durch die Fenster in ein extrem intensives Blau. Langsam steigt man nach oben und kommt auf der Brücke inmitten tausender Fische an. Wo früher Kapitän und Offiziere den 334m langen Riesen steuerten, haben heute Schwärme von Riffbarschen und Zweibindenbrassen das Kommando. Viel hat das Feuer dort nicht übriggelassen. Aber eine Person befindet sich immer noch im Inneren des Navigationsdecks : eine Madonna! Sie steht auf den Resten des Steuerstandes und wurde im Gedenken an die Opfer der Tragödie von Tauchern im Wrack angebracht. Es sind schon sehr beeindruckende letzte Momente bevor man die „Haven" auf dem langen Weg zurück an die Oberfläche verlässt.
Zugang zu den Aufbauten
Madonna auf dem Steuerstand im Innern der Brücke
Thomas Förster beim Verlassen des Navigationsdecks
Der längste Teil der Tauchgänge - die Dekompression
Zurück zur Überschrift : „Leben nach dem Feuertod"...
Auch an Land scheint alles wieder seinen gewohnten Gang zu gehen. Die Touristen kommen wieder. Wenn man an den Strand blickt , muß man feststellen , dass der Hering bei „Rügen-Fisch" mehr Platz in seiner Dose hat , als der italienische Sonnenanbeter am Strand von Arenzano. Abends sind die Kneipen voll , die Gäste manchmal auch. Das Geschäft brummt...!
Alles in Ordnung also??? Keine Ahnung , ich bin kein Biologe! Aber ich bin sicher , das die Spuren der größten Umweltkatastrophe im Mittelmeer noch zu finden sind! Man muß nur ein bisschen genauer hinschauen und danach suchen. Eine solch große Wunde verheilt nicht ohne Narben. Eine Wunde , verursacht durch den Hunger der heutigen Gesellschaft nach dem schwarzen Gold....
Das Team : v.l. Jörg Schöne , Dirk Schäfer , Thomas Förster

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